Ich habe mich also treiben lassen.
Ich habe Strasbourg jedoch noch immer nicht verlassen. Viele ERASMUS-Studenten schauen sich die Umgebung an; die Vogesen, das Alsace oder Paris. Strasbourg ist vielfältig und ich habe noch längst nicht alle Cafés, Galerien und Theater gesehen, aber das Interesse an der Region kann ich nachvollziehen. Ich sehne mich vor allem nach Natur, einem Waldgebiet, einem See oder ähnlichen Biotopen. Der Grund meiner Beharrlichkeit, an Ort und Stelle zu bleiben, sind die Menschen, die ich bisher kennengelernt habe.
Wenn ich abends ausgehe, dann häufig mit Marie oder Eloisia. Neuerdings treffe ich Ludo, ein sehr talentierter Gitarrist und passionierter Jazzer à la Manouche. Diesen Stil habe ich an anderer Stelle schon in Ansätzen beschrieben. Sicherlich kann er euch ein genaueres Bild dieser Jazzbranche geben. Mir ist klargeworden, dass Musik internationale Grenzen erreichen kann – beim Erlernen von Tonleitern. Man sollte nicht überrascht sein, dass sich die französische Kultur auch gegen standardisierte Begriffe der musikalischen Harmonielehre wehrt (s. Tonleiter).

Ich will nicht dem ERASMUS-Profil entsprechen, das hier und in vielen anderen Ländern existiert. Nicht zu Unrecht glaubt man von mir, ich besuchte höchstens vier Vorlesungen, können jeden Abend ausgehen und sei sowieso ständig unterwegs. Es stimmt, ich habe mehr Freizeit als in Münster, wo Nebenjob, Seminare und Hausarbeiten Pflicht sind. Doch ich habe damit im vergangenen Semester angefangen und ich werde auch hier nicht aufhören, produktiv zu sein. Deshalb meide ich die einschlägigen Pubs und lasse mich lieber von der musikalischen Vielfalt den zahlreichen „Boeufs“ (Jamsession) inspirieren. Ich lerne sehr viel von Marie, Sophie, Elo, Léo und Ludo. Ihre Hilfe beim Erlernen dieser fantastischen Sprache ist so unglaublich wertvoll. Dabei scheint ihre Geduld unerschöpflich zu sein, genauso wie ihr Interesse an und Wissen über (Agri-)Kultur, Musik und Studentenleben.
Wie ist es sonst als Ausländer? Gestern noch wurde mir vorgeworfen, der quasi vollkommenen Vernichtung des jüdischen Volks beigeholfen zu haben. Ich wurde vormittags nichtsahnend in eine Diskussion mit einem betrunkenen Typen verwickelt, der behauptete Jude zu sein. Er meine es gut mit mir, gestand er, denn ich sei ein netter Deutscher. Noch in Gedanken an die historische sowie kulturelle Reichweite einer vermeintlichen Kollektivschuld versunken, sprach mich der nächste Betrunkene an und bat mich, ein Lied für ihn auf meiner Gitarre zu spielen. Ich antwortete ziemlich flach und ausweichend minimalistisch: Non. Pardon.
Die Sprache ist hier der Indikator für deine Zugehörigkeit. Ja, die farbigen Menschen an der Supermarktkasse, die Juden im jüdischen Viertel, auch die Inder in ihren Kiosken sprechen tatsächlich Französisch. Doch wenn Daniela ihren italienischen Akzent in der Tram auspackt, hören alle hin und wissen zugleich, dass Daniela frisch ist. Wir leben uns hier ein und bleiben in unseren Köpfen Ausländer, weil wir zurückkehren müssen. Ich spreche von den ERASMUS-Studenten.
Und mir fiel auf, dass es verschiedene Strategien der Integration gibt. Welche Stufen werde ich erreichen, bevor ich mich hier „sicher“ fühle. Sicherheit im Sprachgebrauch, Sicherheit beim französischen Begrüßungszeremonial, Sicherheit im Umgang mit Funktionären, Professoren und Mitstudierenden? Man kann es auch umdrehen: Wann glauben meine Mitmenschen, sich mit Sicherheit bei mir verständlich gemacht zu haben? Wann wird Léonard wirklich denken, dass ich den besten Witz eines modernen Theaterstücks verstanden habe? Mir scheinen folgende Indikatoren wichtig zu sein:
1.Ändern der Benutzersprache von elektronischen Geräten.
2.Französisches Radio hören.
3.Postkarten auf Französisch schreiben.
4.Auf Französisch träumen.
5.Ein gelungenes Kompliment auf Französisch machen.
Ich werde übrigens vom 6. bis 10. April in Deutschland sein (Münster, Köln). A plus!
Neufundlukas - 20. Mär, 14:27