Namensgedächtnis
Es ist trostlos, ich kann mir keine Namen merken. Alle Frauen sollten den gleichen Namen haben, nur eine bliebe ihr eigenes Original. Ihr Name wird Franziska sein.
OderCosima. Oder Katharina.
Es gab mal eine Zeit, in der ich mit sehr vielen Frauen verkehrte. Manchmal fragte ich mich, was die Bedienung in meinem Lieblingscafé über mich dachte. Ich tauchte ständig mit anderen Frauen auf. Wahrscheinlich hat es niemand bemerkt, denn ich wechselte ja die Frauen wie die Bedienung ihren Dienst. Niemand bemerkte es also, dass ich meine Begleitungen gerne in dieses Café ausführte. Auf diese Weise konnten meine Begleitung und die Bedienung keine Komplizen werden, was mir etwas Sicherheit bot. Ich glaube nämlich, dass es den Frauen nicht gefallen hätte, von meinem Fetisch zu erfahren. Ich wechselte nie das Etablissement, nur die Begleitung und gelegentlich das Thema. Vielleicht kann man mir zu Gute halten, dass ich mich selten wiederholte, sondern immer versuchte, auf die speziellen Eigenschaften der Frauen einzugehen. Man könnte mir auch Objektivismus vorwerfen. Gewissermaßen war ich wirklich an Objekten interessiert. Doch ich wollte aufrichtig herausfinden, wen diese Objekte verkörpern. Gründe für ihr Aussehen, für ihr Verhalten, für diese oder jene Geste. Mich interessierte brennend, seit wann sie rauchten oder wann sie sich gegen die Sucht entschieden hatten.
Eines Tages brachte ich eine Frau mit, die mich so sehr interessierte, dass ich keine Minute still sitzen konnte. Ständig wollte ich die Sitzposition einnehmen, welche mich am attraktivsten aussehen ließe. Ich hatte das Gefühl, mein Pullover sei von neuen Löchern übersät, die ich noch nicht entdeckt hatte. Sie rauchte sehr viel und wirkte deshalb sehr gelassen. Plötzlich wurde sie angerufen. Sie legte die Zigarette weg und begann, wild in der Luft zu gestikulieren. Gleichzeitig dreschte sie in sauberem Französisch auf ihre Mutter ein. Sie schien nicht zu bemerken, dass wir zum Zentrum der Aufmerksamkeit avanciert waren. Sie schrie regelrecht ins Telefon und ich sah mich verlegen um, lachte sogar dem Tischnachbarn zu. Diese Situation brachte mich vollkommen aus meiner gewohnten Ruhe. Sie selbst schuf die unverwechselbare Atmosphäre eines Stammcafés und ich war neu, geschaffen aus ihrer Furie.
Seit diesem Tag hatte ich kein Rendez-Vous mehr in diesem Café, das ich noch immer gerne aufsuche. Neulich saß ich an einem der kleinen Cafétische, wenige Schritte vom Tresen entfernt. Ich beschwere mich selten über die Musik in diesem Etablissement, andere Gastronomen mache ich hingegen gerne aufgrund ihres miesen Musikgeschmacks lächerlich. An diesem Tag verließ ungewohnt melodramatische Populärmusik die Lautsprecher. Ein brauner Brei aus zu viel Streichern und tiefhängenden Quintakkorden. Der Milchschaum verbarg den Kaffeesatz nur für einige Sekunden, der Wasseranteil in dieser Tasse war schwindend gering. Aber was sollte ich tun? Ich wartete auf eine gute Freundin und mein Getränk wurde bereits vor zehn Minuten serviert. Ärgerlicherweise hatte ich vergessen, Leitungswasser zu bestellen. Ich spürte, wie der Koffein meinen Körper dehydrieren ließ und brauner Brei fraß sich durch meine auditiven Rezeptoren.
Dann öffnete sich die Schwingtür. Herein kam das Wesen, das ich lang ersehnt hatte. Ihre Beine steuerten meinen Tisch an und ich sah lächelnd vom Kaffeesatz in der fast leeren Tasse auf. Das Warten hatte ein Ende, vielleicht müsste ich nie wieder in dieses Café zurückkehren, um dilettantische Studentinnen für die einmalige Atmosphäre zu sensibilisieren, die sie wahrscheinlich erst in einem anderen Café wiederentdecken werden. Ich wollte etwas Charmantes zur Begrüßung sagen, doch ich hielt inne. Plötzlich änderten sich ihre Gesichtszüge, sie verharrte zwischen Tür und Kaffeesatz und starrte mich an. Ihre Bluse wechselte auf einmal die Farbe. Ich sah ein sattes Blau, unter dem ein schwarzer Bikini durchschimmerte. Dann verlor ihre Hose an Länge, aus ihr wurde ein schmaler Minirock. Schwarze Strümpfe bedeckten jetzt ihre Beine, verformten sich aber bald zu einer Röhrenhose aus verblichenem Jeansstoff. Be-ginnend an ihren Schultern wickelte sich ein luftiges Oberteil an ihrem Körper ab. Es gab Nacken und Dekolleté frei, schloß sich aber dann zu einem Rollkragen. Das Wesen fing an, bitterlich zu weinen. Niemand schien ihre Metamorphose zu bemerken. Doch ich saß wie festgewachsen an der Wand und wusste: Sie hatte mich gefunden. Die Schuld.
Oder
Es gab mal eine Zeit, in der ich mit sehr vielen Frauen verkehrte. Manchmal fragte ich mich, was die Bedienung in meinem Lieblingscafé über mich dachte. Ich tauchte ständig mit anderen Frauen auf. Wahrscheinlich hat es niemand bemerkt, denn ich wechselte ja die Frauen wie die Bedienung ihren Dienst. Niemand bemerkte es also, dass ich meine Begleitungen gerne in dieses Café ausführte. Auf diese Weise konnten meine Begleitung und die Bedienung keine Komplizen werden, was mir etwas Sicherheit bot. Ich glaube nämlich, dass es den Frauen nicht gefallen hätte, von meinem Fetisch zu erfahren. Ich wechselte nie das Etablissement, nur die Begleitung und gelegentlich das Thema. Vielleicht kann man mir zu Gute halten, dass ich mich selten wiederholte, sondern immer versuchte, auf die speziellen Eigenschaften der Frauen einzugehen. Man könnte mir auch Objektivismus vorwerfen. Gewissermaßen war ich wirklich an Objekten interessiert. Doch ich wollte aufrichtig herausfinden, wen diese Objekte verkörpern. Gründe für ihr Aussehen, für ihr Verhalten, für diese oder jene Geste. Mich interessierte brennend, seit wann sie rauchten oder wann sie sich gegen die Sucht entschieden hatten.
Eines Tages brachte ich eine Frau mit, die mich so sehr interessierte, dass ich keine Minute still sitzen konnte. Ständig wollte ich die Sitzposition einnehmen, welche mich am attraktivsten aussehen ließe. Ich hatte das Gefühl, mein Pullover sei von neuen Löchern übersät, die ich noch nicht entdeckt hatte. Sie rauchte sehr viel und wirkte deshalb sehr gelassen. Plötzlich wurde sie angerufen. Sie legte die Zigarette weg und begann, wild in der Luft zu gestikulieren. Gleichzeitig dreschte sie in sauberem Französisch auf ihre Mutter ein. Sie schien nicht zu bemerken, dass wir zum Zentrum der Aufmerksamkeit avanciert waren. Sie schrie regelrecht ins Telefon und ich sah mich verlegen um, lachte sogar dem Tischnachbarn zu. Diese Situation brachte mich vollkommen aus meiner gewohnten Ruhe. Sie selbst schuf die unverwechselbare Atmosphäre eines Stammcafés und ich war neu, geschaffen aus ihrer Furie.
Seit diesem Tag hatte ich kein Rendez-Vous mehr in diesem Café, das ich noch immer gerne aufsuche. Neulich saß ich an einem der kleinen Cafétische, wenige Schritte vom Tresen entfernt. Ich beschwere mich selten über die Musik in diesem Etablissement, andere Gastronomen mache ich hingegen gerne aufgrund ihres miesen Musikgeschmacks lächerlich. An diesem Tag verließ ungewohnt melodramatische Populärmusik die Lautsprecher. Ein brauner Brei aus zu viel Streichern und tiefhängenden Quintakkorden. Der Milchschaum verbarg den Kaffeesatz nur für einige Sekunden, der Wasseranteil in dieser Tasse war schwindend gering. Aber was sollte ich tun? Ich wartete auf eine gute Freundin und mein Getränk wurde bereits vor zehn Minuten serviert. Ärgerlicherweise hatte ich vergessen, Leitungswasser zu bestellen. Ich spürte, wie der Koffein meinen Körper dehydrieren ließ und brauner Brei fraß sich durch meine auditiven Rezeptoren.
Dann öffnete sich die Schwingtür. Herein kam das Wesen, das ich lang ersehnt hatte. Ihre Beine steuerten meinen Tisch an und ich sah lächelnd vom Kaffeesatz in der fast leeren Tasse auf. Das Warten hatte ein Ende, vielleicht müsste ich nie wieder in dieses Café zurückkehren, um dilettantische Studentinnen für die einmalige Atmosphäre zu sensibilisieren, die sie wahrscheinlich erst in einem anderen Café wiederentdecken werden. Ich wollte etwas Charmantes zur Begrüßung sagen, doch ich hielt inne. Plötzlich änderten sich ihre Gesichtszüge, sie verharrte zwischen Tür und Kaffeesatz und starrte mich an. Ihre Bluse wechselte auf einmal die Farbe. Ich sah ein sattes Blau, unter dem ein schwarzer Bikini durchschimmerte. Dann verlor ihre Hose an Länge, aus ihr wurde ein schmaler Minirock. Schwarze Strümpfe bedeckten jetzt ihre Beine, verformten sich aber bald zu einer Röhrenhose aus verblichenem Jeansstoff. Be-ginnend an ihren Schultern wickelte sich ein luftiges Oberteil an ihrem Körper ab. Es gab Nacken und Dekolleté frei, schloß sich aber dann zu einem Rollkragen. Das Wesen fing an, bitterlich zu weinen. Niemand schien ihre Metamorphose zu bemerken. Doch ich saß wie festgewachsen an der Wand und wusste: Sie hatte mich gefunden. Die Schuld.
Neufundlukas - 28. Apr, 20:59